Odsjek za germanistiku Filozofski fakultet SveuŔiliÜte u Zagrebu
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Thomas Bernhard-Tage in Zagreb Ispis

EIN ├ťBERBLICK ├ťBER DIE THOMAS BERNHARD-TAGE IN ZAGREB
(VON MIRTA TUTI─ć)

Auf den vorliegenden Seiten berichten Germanistikstudent/innen ├╝ber die Thomas Bernhard-Tage in Zagreb. Es geht um die Resultate eines studentischen Projekts, dass im Rahmen des Literaturseminars ├ľsterreichische Dramatik seit 1988, unter der Leitung von Svjetlan Lacko Viduli─ç, durchgef├╝hrt wurde.
Die Thomas Bernhard-Tage fanden vom 4. bis 8. November 2003 statt, als Koproduktion von zahlreichen ├Âsterreichischen und kroatischen Institutionen. Dazu geh├Âren ETK Donadria Wien, Kroatisches P.E.N. Zentrum, Goethe-Institut Zagreb, Theater Gavella und Philosophische Fakult├Ąt der Universit├Ąt Zagreb. Die Tage wurden vom ├ľsterreichischen Bundesministerium f├╝r Bildung, Wissenschaft und Kultur und dem ├ľsterreischen Kulturforum Zagreb unterst├╝tzt. Das Ziel der Tage war, die Rezeption Bernhards in Kroatien zu f├Ârdern.
Die einleitenden Ereignisse waren eine Pressekonferenz und eine Vorlesung von Sead Muhamedagi─ç ├╝ber Leben und Werk Thomas Bernhards (im ├ľsterreichischen Kulturforum), die beide am 4. November stattgefunden haben. Die Inauguration der Tage wurde im Theater Gavella am 6. November mit der Er├Âffnung einer Ausstellung von Bernhard-Fotografien und Manuskripten und mit einer Lesung aus seinem Stimmenimitator begleitet (die Interpreten: Nikolaus Kinsky und Sreten Mokrovi─ç). Es war interessant zu sehen, dass ein Mensch, der sich in seinem Werk beinahe als Menschenhasser pr├Ąsentiert, auch gegessen, getrunken und sogar gelacht hat...
Wenn ich ├╝ber das Zentralereignis, das Symposium im Goethe-Institut nachdenke, f├Ąllt mir die ironische Aussage eines Kritikers ein, die urspr├╝nglich den Neuen Historisten galt. Er hat n├Ąmlich gemeint, sie k├Ânnten ihre Jahresversammlung in einer Telefonzelle abhalten. In unsere Umstande ├╝bertragen ware dies noch schlimmer, da die kroatischen Telefonzellen wesentlich kleiner als die Westeurop├Ąischen sind...
Das Symposium fand am 7. und 8. November im Goethe-Institut statt und pr├Ąsentierte Referate, Gespr├Ąche und Diskussionen, wobei Bernhards Werk aus vielen Blickwinkeln betrachtet wurde. Interessant und n├╝tzlich, Deutungen und Meinungen von Menschen zu h├Âren, die sich eingehend mit Bernhards Texten besch├Ąftigt haben, aber auch zu betrachten, wie so ein Ereignis in Kroatien organisiert und durchgef├╝hrt wurde. Die Beitr├Ąge des Symposiums erscheinen hoffentlich bald in einem Sammelband.
Der H├Âhepunkt der Tage sollte die Auff├╝hrung von Bernhards Heldenplatz im Gavella Theater sein. Die Premiere der kroatischen ├ťbersetzung fand am 7. November statt. ├ťber die Auswahl des Dramatextes, der Bernhard dem kroatischen Publikum vorstellen sollte, wurde im Symposium lebhaft, wenn auch nicht zu heftig diskutiert. Auch uns, die die Auff├╝hrung erst sp├Ąter gesehen haben, sind die Gr├╝nde f├╝r diese Diskussion klar geworden. Um eine (vulg├Ąre? unm├Âgliche? unzul├Ąssige?) Lokalisation zu vermeiden, wurde eine Adaption unternommen, die nach Meinung vieler Teilnehmer/innen eine Milderung Bernhards bedeutet.
Was ist geschehen? Um eine Antwort anzudeuten, folge ich dem Referat von Sibila Petlevski, die versucht hat, Bernhards Dramen u. a. im Kontext der moderner Literaturtheorie zu betrachten. Es gibt keine schuldlose, einfache Verschiebung irgendeines Zeichens in eine andere Umgebung; die kroatische Inszenierung von Heldenplatz ist ein brisantes Beispiel daf├╝r, was passieren kann, wenn ein israelischer Regisseur in einem kroatischen Theater das Drama eines ├Âsterreichischen Schriftstellers (und zwar Thomas Bernhards!) aufzuf├╝hren versucht.
In diesem Projekt kann man unsere Versuche verfolgen, die Prozesse der Umkodierung von Thomas Bernhard in Zagreb zu entschl├╝sseln. Wer und wie hat das alles organisiert? Gab es Schwierigkeiten bei der Kommunikation? Wer hat den Text ├╝bersetzt und herausgegeben? Wie hat die Simultan-├ťbersetzung im Symposium funktioniert (s. die Seite "Aus dem Berufsleben")? Antworten auf diese Fragen stehen in Form von Interviews, Reportagen und Berichten zur Verfugung. Diesen Texten sind hoffentlich auch die impliziten Bedeutungen, die neuen Repr├Ąsentationen Bernhards zu entnehmen. Wir laden Sie herzlich ein, Ihre eigenen zu finden!


 

NIKOLAUS KINSKY - DER HELD AM PLATZ
(IM GESPR├äCH MIT MARTA KLEPO UND TEREZA TEKLI─ć)

Im heutigen Informationszeitalter leben wir in einer Gesellschaft, f├╝r die Schnelligkeit und somit auch das Kurzfristige zum neuen Lebensgef├╝hl geworden sind; in der die Menschen von allen Seiten durch medienreife Reality-Shows zugesch├╝ttet werden und in der das Ber├╝hmt- und Reichsein zu den neuen Werten geh├Âren. Doch trotz dieser Umst├Ąnde gibt es auch weiterhin einige unter uns, die in sich die "veralteten" Werte tragen und die im gegenw├Ąrtigen Spektakel nicht verlorengegangen sind. Und so einer ist auch Nikolaus Kinsky. Das Ambiente eines Insider-Caffes im Inneren des Gavella Theaters, im Hintergrund die leise gespielte New-Age-Musik und die best├Ąndigen Requisiten des Schauspielhauses: eine ideale Kulisse f├╝r das Gespr├Ąch mit dem angenehmen und in keinem Fall ├╝berheblichen ├Âsterreichischen Schauspieler, der gerade unsere Hauptstadt als Veranstaltungsort f├╝r die Thomas-Bernhard-Tage ausgew├Ąhlt hat. Na dann, willkommen in Kroatien, dem Land der begrenzten M├Âglichkeiten!

M&T: Wie kam es zu der Idee, die Thomas-Bernhard-Tage zu organisieren?

KINSKY: Die Idee hat erstmal mit Thomas Bernhard nichts zu tun, sondern sie steht im Zusammenhang mit meiner Arbeit. Ich habe eine Organisation, die ETK Donadria, und eine Produktlinie: die Pr├Ąsentation zeitgen├Âssischer ├Âsterreichischer Literatur au├čer Land. Unsere Projekte sind internationale Projekte, es sind immer Teilnehmer aus mehreren L├Ąndern daran beteiligt. Das Ziel ist internationalen Kulturaustausch anzuregen. Und da ich vom Theater komme, ist der Schwerpunkt immer Theater, vor allem die Theaterinszenierung. Manchmal veranlassen wir auch, dass ein St├╝ck ├╝bersetzt wird. Und dann gibt es ein begleitendes Programm, dass den Kontext herstellt und somit den Inhalt erl├Ąutert, aber auch den Autor darstellt.

M&T: Gab es besondere Organisationsschwierigkeiten, da das ganze Projekt aus verschiedenen Veranstaltungen besteht?

KINSKY: Sicherlich, eine erste Schwierigkeit bestand darin, dass man es hier nicht gewohnt ist, so eine umfassende Pr├Ąsentation zu haben. Ich habe sehr lange im Theater gearbeitet, wobei wir versucht haben, die Interpretationen von St├╝cken dem Publikum n├Ąher zu bringen, und das kann nur durch Informationen erfolgen. Das war in meiner Theaterarbeit immer wichtig und das bin ich in der Lage anzubieten. Wenn die Leute das annehmen, ist es gut, und wenn nicht, dann ist es schade. Ich bin davon ├╝berzeugt, dass diese Art von Pr├Ąsentation wichtig und gut ist. Pr├Ąsentationen von Kultur, von Kunst, von kulturellen Inhalten, werden sich in der Zukunft sowieso ver├Ąndern. Einerseits gibt es immer mehr Events, wo es nur um das Kurzfristige geht, um den Spektakel. Andererseits gibt es aber auch die Notwendigkeit Dinge zu machen, die nachhaltiger sind. Und gerade durch solche Projekte kann ich Nachhaltigkeit erzeugen. Das ist mir wichtig.

M&T: Sind die Bernhard-Tage das erste Projekt in dieser Form oder haben Sie früher schon Ähnliches organisiert?

KINSKY: Ja, ich habe schon mehrere Projekte dieser Art gemacht. Unser letztes Projekt in Zagreb war ein Projekt mit Gerd Jonke. Es war allerdings eine ganz andere Situation, vor allem weil Jonke noch lebt und es m├Âglich war, den Autor hierher zu bringen. Doch Jonke war sicherlich noch weniger bekannt als Bernhard und er geh├Ârt auch im deutschen Sprachraum nicht zu den Bekanntesten. Er ist zwar in den Insiderkreisen bekannt und er ist auch sicherlich einer der Besten, aber er ist nicht jemand wie Bernhard oder Turrini, die es verstanden haben, sich besser zu verkaufen. Deswegen war die Zielsetzung bei Jonke ein wenig anders als beim Bernhard-Projekt. Mit Jonke w├Ąre ich nicht hergekommen, um eine Ausstellung zu machen, sondern mir war es wichtig den Autor zu bringen und den Kontakt mit der hiesigen Schriftstellerszene herzustellen. Aber es geht immer um die Theaterinszenierung.
Bei Bernhard war es so, dass ich mit ┼Żeljka Udovi─Źi─ç, die zu dem Zeitpunkt Dramaturgin war, schon seit l├Ąngerer Zeit dar├╝ber gesprochen habe, etwas ├ľsterreichisches in Kroatien zu machen. Da war nat├╝rlich Bernhard der absolute Favorit. Wir wollten einen Autor bringen, der im deutschen Sprachraum wirklich absolut bekannt und verbreitet ist und der hier noch nicht so bekannt ist. F├╝r mich ist Bernhard sicherlich derjenige, der am sch├Ąrfsten und am konkretesten die ├Âsterreichische Situation darstellt, aber nicht nur die ├Âsterreichische sondern ├╝berhaupt die Situation der deutschsprachigen Kultur. Deswegen habe ich Bernhard gew├Ąhlt.

M&T: Sind solche Projekte typisch f├╝r die Arbeit der ETK Donadria?

KINSKY: Ja, es steht in unseren Statuten, dass der Faktor der Internationalit├Ąt gegeben sein muss, also: es m├╝ssen Teilnehmer aus mehreren L├Ąndern am Projekt beteiligt sein. Wir verstehen uns als ein Laboratorium - es ist ein System, dass einen Schwerpunkt hat und um diesen Schwerpunkt bewegen sich andere Komponenten. Das Einbinden von Lernenden, also von Studenten, von Menschen, die Wissen aufnehmen und damit arbeiten wollen, ist auch ein wichtiger Aspekt.

M&T: Und warum gerade Zagreb? Was ist an der Stadt so besonders, im Vergleich zu anderen kroatischen oder ex-jugoslawischen St├Ądten?

KINSKY: Da kommen nat├╝rlich immer verschiedene Faktoren zusammen. Wenn man so ein Projekt organisiert, muss man auf bestehende Kontakte zur├╝ckgreifen k├Ânnen, um eine gewisse Sicherheit zu haben. Dadurch, dass ich hier schon was gemacht habe, dass ich den Direktor des Gavella Theater kenne und dass ich mit ┼Żeljka Udovi─Źi─ç ├╝ber viele Jahre zusammengearbeitet habe, hat sich das erstmal angeboten.
Aber warum Kroatien und nicht Slowenien, ein Nachbarland? Ich glaube, dass Zagreb ├ľsterreich oder Wien viel n├Ąher steht, als dies mit Laibach oder Ljubljana der Fall ist. Deswegen auch meine Intention, hier in Zagreb oder Kroatien die N├Ąhe auch weiterhin zu f├Ârdern und eine langfristigere Partnerschaft entstehen zu lassen. Es ist so, dass es in ├ľsterreich eine sehr gro├če kroatische Gemeinde gibt. Daher sind reale Verbindungen vorhanden, die man einfach aufgreifen muss. Ausserdem sp├╝re ich hier ein unheimliches Potenzial, eine unheimliche Energie. Was hier aber absolut fehlt - das ist Ordnung, etwas, was diese Energien in einer produktiven Richtung b├╝ndeln w├╝rde. Es erfordert nat├╝rlich eine Umstellung jedes Einzelnen und es ist sicherlich eine Frage von Jahren. F├╝r euch ist es einfacher, weil ihr das Andere nicht unmittelbar kennt. Kroatien steht weiterhin am Rande dieses Konglomerats der europ├Ąischen Gemeinschaft. Das ist der Unterschied z. B. zu Ungarn. Ungarn ist dem Ganzen ein bisschen n├Ąher. Aber das, was weiter entfernt ist und wirklich am Rande ist, interessiert mich einfach mehr, als das, was sowieso schon etwas etablierter ist.

M&T: Aber ist das Projekt nicht nur f├╝r einen kleinen Teil des kroatischen bzw. Zagreber Publikums gedacht?

KINSKY: Nat├╝rlich, aber man muss irgendwo anfangen. Und man muss erstmal dahin gehen, wo man eine Unterst├╝tzung bekommt. Wenn ich so ein Projekt mache, schaue ich, welches die wichtigsten daf├╝r zust├Ąndigen Stellen sind, damit das, was wir machen, weitergetragen wird. Also Stellen, die sich damit besch├Ąftigen. Da ist z. B. die Philosophische Fakult├Ąt f├╝r mich ein ganz wichtiger Ankn├╝pfungspunkt, so wie es auch das ├ľsterreichische Kulturforum oder das Goethe-Institut sind.
Mein Ansatz besteht nun darin, diese K├Ârperschaften einzubeziehen und dadurch zu sehen, was vor Ort wirklich gebraucht wird. Es ist immer schwierig aus einem anderen Land zu kommen und etwas in ein Land hineinzutragen, ohne zu wissen, ob die Leute das ├╝berhaupt wollen. Ich habe an die Erfahrung mit Gerd Jonkes "Insektarium" angekn├╝pft, da wir dieses Theaterprojekt auch schon in Zusammenarbeit mit der Fakult├Ąt unternommen haben und mir die Kontinuit├Ąt einfach wichtig ist.

M&T: Was meinen sie, wie wird das kroatische Publikum Berhards "Heldenplatz" aufnehmen? Ob es die historischen Hintergr├╝nde des St├╝ckes verstehen wird?

KINSKY: Ich glaube, dass in dem St├╝ck gewisse Reizworte oder Reizbegriffe enthalten sind, die sich auf ├ľsterreich beziehen, die aber vielen Leuten zugeordnet werden k├Ânnen. Auch hier w├╝rde ich auf die N├Ąhe zwischen Zagreb und Wien hinweisen. Ich glaube, dass es auch in dieser Stadt gewisse gesellschaftliche Strukturen gibt, die denen von Wien sehr ├Ąhnlich sind. Deswegen ist es durchaus denkbar, dass das Publikum die Aussagen des St├╝ckes auf ihre Situation ├╝bertragen und sich angesprochen f├╝hlen werden.

M&T: Wie haben Sie Bernhards testamentarische Verf├╝gung aufgefasst, dass keine St├╝cke nach seinem Tod aufgef├╝hrt oder publiziert werden d├╝rfen? Gab es Probleme?

KINSKY: Da muss ich etwas richtig stellen. Bernhard hat in seinem Testament festgehalten, dass er nicht m├Âchte, dass seine St├╝cke in ├ľsterreich aufgef├╝hrt und seine Schriften publiziert werden. Das bezieht sich ausschlie├člich auf ├ľsterreich und auf ├Âsterreichische Stellen im Ausland. Bernhards Bruder hat sich mit dem Nachlass besch├Ąftigt und war zusammen mit dem Suhrkamp-Verlag der Meinung, dass man etwas unternehmen m├╝sste, um zu vermeiden, dass Thomas Bernhard gewisserma├čen tot geschwiegen wird, weil er es so wollte. Es wurde eine Einrichting geschaffen, sie heisst Thomas Bernhard Privatstiftung. Es ist eine K├Ârperschaft, die zwischen dem Testament, dem letzten Willen Bernhards und dem ├Âsterreichischem Staat bzw. den ├Âsterreichischen Kultureinrichtungen steht. Seit der Gr├╝ndung der Thomas Bernhard Privatstiftung ist es wieder m├Âglich, Bernhard in ├ľsterreich aufzuf├╝hren, neu zu inszenieren und wieder B├╝cher zu publizieren.
Diese Frage taucht immer wieder auf: Soll man das respektieren, was Bernhard im Testament verf├╝gt hat oder nicht? Er war n├Ąmlich sehr fest in der ├Âsterreichischen Gesellschaft verwurzelt, er hat in ├ľsterreich gelebt. Es ist schon klar, dass man den letzten Willen respektiren sollte. Ich komme nicht aus spekulativen Gr├╝nden her, sondern mir geht es darum, dass Thomas Bernhards Werk verbreitet wird. Deswegen auch der Ansatz, das Projekt umfassend zu gestalten, es mit einer Ausstellung, einem Symposium zu verbinden. Wir gehen das auch sehr sensibel an. Das war auch der Grund, warum Bernhards Bruder Fabian diesem Projekt zugestimmt hat. So ein Projekt kann nur in Absprache mit dem Nachlassverwalter zustande kommen.

M&T: Und wie war es mit Ihren moralischen Ansichten hinsichtlich der testamentarischen Verf├╝gung?

KINSKY: Ich stehe dem Staat oder dem, was sich als Staat darstellt, auch der Gesellschaft sehr kritisch gegen├╝ber. Aber wenn ich den Mund zumache, beziehe ich keine Stellung mehr. Ich finde, in dieser Richtung sollte man denken. Ob es nun richtig ist oder nicht, wei├č ich nicht. Wenn Bernhard noch leben w├╝rde, h├Ątte er es vielleicht verboten oder nicht gewollt, dass hier gerade dieses St├╝ck aufgef├╝hrt wird, vielleicht h├Ątte man mit ihm reden k├Ânnen - reine Spekulation. Es ist auch so, dass wir nicht versuchen das St├╝ck so zu machen, wie es damals in Wien entstanden ist und pr├Ąsentiert wurde, sondern wir versuchen es den hiesigen Gegebenheiten anzupassen. Es ist eine vollkommen neue Variante, der Versuch einer neuen Sichtweise. Wie gesagt, es spekuliert nicht mit dem Skandal, dieser l├Ąsst sich auch gar nicht herstellen.

M&T: Zum Schluss etwas ├╝ber die k├╝nftige Arbeit des ETK in Kroatien. Sind schon neue Projekte in Aussicht, Projekte, die dem kroatischen Publikum vielleicht mehr entsprechen?

KINSKY: Es gibt die eine oder andere neue Projektidee, aber es wird sich letztendlich alles in dem genannten Bereich drehen. Denn alles andere k├Ânnen andere Institutionen besser. Was ich bewerkstellingen kann, das ist: Leute zu engagieren oder zu motiviern etwas zu tun, was sie in den etablierten Institutionen normalerweise nicht machen k├Ânnen. So wie ich dem Regiessur - dem ich nicht das zahlen kann, was er an anderen H├Ąusern bekommt - etwas Neues bieten kann. In einen Kulturraum gehen, den du nicht kennst, mit einem St├╝ck arbeiten, das sehr sensibel zu behandeln ist, mit Schauspielern arbeiten, mit denen man in ├Ąhnlicher Weise noch nie zu tun hatte. Wenn jemanden diese Erfahrung interessiert, dann ist es gut; wenn nicht, dann ist es sowieso die falsche Person. Man geht selbstverst├Ąndlich Verpflichtungen ein, die Leute machen das ja nicht umsonst. Aber ein wichtiger Aspekt ist immer, dass die Teilnehmenden den Rahmen des Gewohnten ├╝bersteigen, Neuland entdecken, eine Herausforderung erleben.


 

GEGEN DAS VERGESSEN - EINE AUSSTELLUNG ├ťBER LEBEN UND WERK THOMAS BERNHARDS
(VON MARTA KLEPO UND TEREZA TEKLI─ć)

Das bekannte Zagreber Schauspielhaus Gavella ├Âffnete die T├╝ren seines attraktiven Atriums f├╝r eine Ausstellung ├╝ber Leben und Werk Thomas Bernhards, eines ├Âsterreichischen Autors, der sicherlich nur einem kleinem Teil des kroatischen Publikums bekannt war und noch immer ist. Er handelt sich um eine Ausstellung, die im Rahmen der Anfang November 2003 in Zagreb organisierten Thomas Bernhard-Tage stattfand und somit nur ein Teil des reichhaltigen Begleitprogramms darstellte.
Die Ausstellung bestand aus mehreren Teilen: Handschriften aus dem Nachlass, Fotos von Bernhards ´Lebensmenschen´ (Bernhards Gro├čvater - der Schriftsteller Johannes Freumbichler und die Freundin Hedwig Stawianicek) sowie eine dokumentarische Video-Projektion. Duch diese Verkn├╝fung sollte den Besuchern ein lebendigeres Bild des Schriftstellers vermittelt werden. Der multimediale Charakter der Ausstellung sollte dazu beitragen, dass Thomas Bernhard aus verschiedenen Blickwinkeln gezeigt und eine m├Âgliche ´Schriftfixierung´ vermieden wird. Andererseits wollte man die Darstellung auch nicht auf Bilder und ihren biographischen Kontext reduzieren. Der Schwerpunkt der Ausstellung sind doch die Nachlassbl├Ątter, die Einblick in die Arbeitsweise und die Entwicklung des Schriftstellers gew├Ąhren. Ihre ├Âffentliche Pr├Ąsentation hat die Thomas Bernhard-Privatstiftung erm├Âglicht.
Diese Ausstellung ist Teil eines gr├Â├čeren Projektes, dass zum ersten Mal in der Wiener Nationalbibliothek vorgestellt wurde und sp├Ąter auf Wanderschaft nach M├╝nchen, Luxemburg, Budapest und in den Iran gegangen ist. Von Martin Huber, dem Leiter des Thomas Bernhard-Archivs im ├Âsterreichischen Gmunden, erfahren wir, dass die Pr├Ąsentation je nach Raumsituation und nach lokalen Ankn├╝pfnugspunkten beliebig variiert werden kann. Konzipiert wurde das Projekt von Martin Huber, dem Bernhard-Spezialisten Manfred Mittermeier und dem Ausstellungsarchitekten Peter Karlhuber. Dabei wurde gezielt darauf hingearbeitet, die Ausstellung mit anderen Veranstaltungen zu verkn├╝pfen.
Schon viele Ausstellungen bildender Kunst in ├ľsterreich und anderen L├Ąndern haben Thomas Bernhard als Inspirationsquelle oder als Anregung verwendet, beispielsweise Erika Schmied, die eine klare Parallele zwischen Hundertwasser und Bernhard gezogen hat, oder die ausgezeichneten Grafiken und Zeichnungen von Josef Linschinger und Christel Bak, um nur einige zu erw├Ąhnen. Martin Huber ist jedoch der Meinung, dass aus dem assoziativen Zusammenhang von Literatur und bildender Kunst keine tieferen interpretatorischen Verkn├╝pfungen abgeleitet werden sollten und hat daher in dem vorliegenden Projekt auch keine Verbindung mit der bildenden Kunst angeregt.
Eigentlich schade, denn in unserer Gesellschaft w├╝rde das Konzept einer Kunstausstellung eher aufgehen und ein breiteres Publikum h├Ątte sich angesprochen gef├╝hlt. Die Einblicke in Leben und Werk Thomas Bernhards w├Ąren vielleicht ├╝ber den kleinen Kreis der Freunde deutschsprachiger Literatur hinausgewachsen.


 

PROVOKATION IM BERNHARDSCHEN SINN
DIE DRAMATURGIN DUNJA DRAGOJEVI─ć-KERSTEN ├ťBER DIE INSZENIERUNG VON BERNHARDS HELDENPLATZ
(EIN INTERVIEW VON PATRICIJA TKAL─îEC)

Im Rahmen der Thomas-Bernhard-Tage in Zagreb fand vom Freitag bis Samstag, 7.-8. November, im Goethe-Institut ein zweit├Ągiges Symposion zum Thema Thomas Bernhard - Dichter und Polemiker statt. Am Samstag Vormittag habe ich mit Frau Dunja Dragojevi─ç-Kersten, der Dramaturgin und Assistentin des Regisseurs David Mouchtar Samorai gesprochen. Obwohl Frau Dragojevi─ç-Kersten nicht nur sehr ersch├Âpft wegen der kroatischsprachigen Erstauff├╝hrung von Bernhards Heldenplatz im Gavella Theater am Vorabend war, sondern auch zusammen mit dem Hauptdarsteller Ivica Vidovi─ç am Symposion aktiv teilnahm, hat sie sich Zeit genommen und unseren W├╝nschen, etwas mehr ├╝ber die Inszenierung zu erfahren, freundlich entgegengekommen. Am Anfang unseres Gespr├Ąchs ├Ąu├čert sie sich ├╝ber die Premiere:

- Es ist immer so schwer, etwas Vern├╝nftiges zu sagen, weil alle immer so wahnsinnig aufgeregt und nerv├Âs sind. Vor allem hoffen wir, dass alles glatt und reibungslos laufen wird. Ich habe mir lange ├╝berlegt, ob ich die Premiere ├╝berhaupt anschauen werde oder nicht, und dann bin ich hingegangen und habe alles gesehen. Ich denke, dass das, was wir gestern gemacht haben, gut ist. Das ist wie eine der besten Proben, die wir gemacht haben.

Welche Schritte m├╝ssen unternommen werden, um aus einer Textvorlage eine Inszenierung zu machen, und wie sah das konkret in diesem Fall aus?

- Das ist sehr unterschiedlich. Meine Freunde fragten mich oft halb ernst, halb scherzhaft: Sag mal, was ├╝berhaupt eine Dramaturgin? Das hab´ ich nie verstanden. Die Aufgabe eines Dramaturgen variiert von St├╝ck zu St├╝ck, von Produktion zur Produktion, weil es eben manchmal auch Texte gibt, die so auf die B├╝hne gebracht werden, wie sie geschrieben sind. Es ist einfach, wenn man ganz wenige Eingriffe im Text macht, wenn man den Text den Schauspielern sozusagen schenkt und sagt: Macht mit dem Text, was immer ihr wollt, oder wenn der Regisseur sagt: Nein, nicht ber├╝hren, ich lass' das so, wie es ist, weil mir das wichtig ist.
Aber manchmal ist es so, dass es viel anspruchsvoller ist - und das ist hier der Fall - weil wir den Text zu f├╝nfzig Prozent gek├╝rzt haben. Das ist wirklich sehr radikal, und das war Davids Konzeption. Wir haben ein Problem gehabt, eine untypische Theatersituation: Der Regisseur spricht nicht die Sprache der Vorstellung, also die Sprache, die alle Schauspieler verstehen. Deshalb musste er mit mir, also mit der Dramaturgin, sehr schwer ackern und mir wirklich vertrauen. Wir haben z. B. ├ľsterreich, ├ľsterreicher und Wien gestrichen und diese Stadt, dieses Land, dieses Volk eingesetzt. Diese Eingriffe waren schon etwas ganz Besonderes und Heikles. Das war beim Heldenplatz, einem so ├Âsterreichischem St├╝ck, sehr schwierig.

Sowohl Sie als auch alle Schauspieler haben gesagt, Heldenplatz sei ein kaltes St├╝ck. Im Gegensatz dazu versuchte der Regisseur den Text als eine musikalische Partitur, jedes Wort als Note zu ├╝bertragen.

- Das ist schon Bernhards Stil: kalt, intelektuell, sprachlich beladen und sehr komplex. Die Sprache ist schon ziemlich hart, und es gibt auch diese ├ťbertreibung als k├╝nstlerisches Prinzip bei Berhard. Damit muss man sich erstmal anfreunden. Das ist etwas, was nicht jedermans Sache ist. Man muss den Hintergrung gut kennen, theoretisch-wissenschaftliche Kenntnisse haben, sich damit ein bisschen l├Ąnger besch├Ąftigen, um alles verstehen zu k├Ânnen. Das war den Schauspielern sehr schwer, weil sie diesen Hintergrung nicht kannten. Sie k├Ânnen nicht ├╝ber jeden Autor, den sie spielen, alles wissen und literaturwissenschaftlich recherchieren. Deshalb geh├Ârt es zum Dramaturgenjob, dass man den Schauspielern den Autor etwas n├Ąher bringt.
David hat mehrmals betont: Ich m├Âchte Charakterschauspieler. Das ist nicht unbedingt im Bernhardschen Sinne, da seine Figuren oft keine Charaktere sind, sondern eine Plattform f├╝r den sprachlichen Ausdruck. Das ist in dieser Inszenierung ganz anders gemacht worden - diese Figuren sollten Charaktere werden.

INTERKULTURELLE DIMENSION

Der umfangreiche Dramentext ist gek├╝rzt worden. Ist damit die urspr├╝ngliche Idee des Autors, durch die L├Ąnge des Werkes den Rezipienten zu provozieren und ihm das Lesen unbequem zu machen, verlorengegangen?

- Ich bin kein Freund dieser Literaturkritik, die sehr streng anordnet oder Befehle erteilt, wie man einen Autor oder einen Text interpretieren soll. Meiner Meinung nach gibt es nicht nur eine Interpretation, und ich glaube, das ist auch der Stand der Literaturkritik heutzutage. Man k├Ânnte nat├╝rlich immer Bernhard fragen, warum er das geschrieben hat, welche Intention er dabei hatte. Ich kenne sehr viele Autoren, und ich habe sehr viele Interviews gef├╝hrt - ich kann Ihnen sagen, die sind alergisch auf diese Fragen, weil sie einfach sagen: Lesen Sie das St├╝ck, und lesen Sie daraus, was Sie lesen m├Âchten oder k├Ânnen.
Ich denke, dass es in diesem Fall schon ein bisschen in dem Sinne anders ist, dass Thomas Bernhard Heldenplatz zwar zu einem Anlass geschrieben hat - im Aufrag vom Burgtheater - und deshalb ist eine Intention dahinter zu finden. Eine andere Frage ist, wie wir diese Vorstellung f├╝nfzehn Jahre sp├Ąter pr├Ąsentieren, was wir aus diesem St├╝ck rausholen, und wie wir damit umgehen. Wenn Bernhard am Leben w├Ąre, w├╝rden wir ihn fragen, wie er das versteht. Das k├Ânnen wir aber leider nicht.

Was die Rollenverteilung anbelangt, wie sah die Zusammenarbeit aus?

- Ganz normal. David kam nach Kroatien, hat sich das St├╝ck angeschaut, er hat mehrere Schauspieler vom Gavella Theater gesehen, und dann hat er gesagt: Ich m├Âchte diesen und diesen Schauspieler f├╝r diese Rolle. Mit den Schauspielern, die englisch k├Ânnen, hat David ohne mich gearbeitet und hat ihnen direkt gesagt, was sie machen sollen. Es gab Schauspieler, die kein englisch und kein deutsch konnten, so auch Ivica Vidovi─ç. Das ist schade, weil er eine so gro├če Rolle hat (Robert Schuster). Da habe ich ├╝bersetzt. Dadurch, dass ich Dramaturgin und Regieassistentin bin, wusste ich ganz genau, was David will; nicht nur, wie ich das transponieren und ├╝bersetzten soll, sondern auch, wie ich Ivica oder andere Schauspieler dazu bringen kann, dass sie ihm geben oder zeigen, was er sehen wollte.

Apropos Zusammenarbeit, gab es irgendwelche Schwierigkeiten, und zwar nicht nur rein sprachliche Missverst├Ąndnisse? Das Team besteht doch aus K├╝nstlern verschiedener Nationalit├Ąten.

- Das war meiner Meinung nach ├╝berhaupt kein Problem. Da David kein Kroate ist, und da er sowieso ein multikulti-Typ an sich ist, war alles spannend und interessant. Theaterleute sind sozusagen eine eigene Kaste. Das ist gerade das Sch├Âne und Faszinierende an der Arbeit im Theater, dass man ganz viel aus dem Bauch herausmachen kann, dass man nicht viel intelektualisieren muss, sondern es geht um die K├Ârpersprache, Emotion und Gestik, die da zu sehen sind. Alle diese Leute, die in diese Vorstellung gestern aus ├ľsterreich oder Ungarn gekommen sind, haben alles gesehen und verstanden, ohne dass sie ein Wort kroatisch k├Ânnen.

DIE AUFGABE DER KULTUR

Eine andere Dimension dieser interkulturellen Integration w├Ąre eine Adaptation, eine Umsetzung also in den kroatischen Kontext. Wof├╝r k├Ânnte der Wiener Heldenplatz, als Symbol f├╝r die ├Âsterreichische Geschichte, stehen?

- Wir haben das bewusst nicht gemacht. Es w├╝rde nicht funktionieren, wenn wir dieses St├╝ck in Kroatien lokalisieren w├╝rden. Das ist eine aufregende Sache - Heldenplatz f├╝r Jela─Źi─ç-Platz ist nat├╝rlich naheliegend, aber ob das ganz richtig w├Ąre, und ob das funktionieren w├╝rde, das kann man leider nicht sagen. Doch, wenn man so wirklich schwarz-wei├č denken w├╝rde: Heldenplatz ist Jela─Źi─ç-Platz, Hitler ist Paveli─ç, das Burgtheater ist das Kroatische Nationaltheater (HNK). Das stimmt aber nicht, weil HNK eine andere Tradition hat.

Und es gibt nicht den gleichen Hintergrund.

- Richtig. Und dieser Satz im Text: Im Burgtheater spielt man auch heute schlecht w├╝rde ├╝berhaupt nicht funktionieren. Die Leute w├╝rden nicht verstehen, was dahinter steckt, weil der Text im Aufrag vom Burgtheater geschrieben wurde. Und das gibt dem Ganzen einen zus├Ątzlichen Witz.

Inwiefern kann die dramaturgische Gestaltung eines Dramas die Problematik des St├╝ckes von mehreren Aspekten aus beleuchten und dadurch eine vertiefende Besch├Ąftigung anregen?

- Wir reden jetzt von unterschiedlichen Medien. Wenn wir ein Drama lesen, dann haben wir alle M├Âglichkeiten der Welt, diesen Text auszulegen und zu interpretieren. Wenn Sie im Theater arbeiten, dann bekommen Sie ein paar Dimensionen mehr, verlieren aber wahnsinnig viel an Fantasie, weil Sie schon jemandem eine Interpretation anbieten. In diesem Sinne kann man sagen, dass jede Vorstellung eine Akzentuierung des St├╝ckes ist. Da kann man nicht von einer falschen Akzentuierung reden, weil wir nicht Theater- oder Literaturg├Âtter sind, die sagen k├Ânnten, was richtig oder falsch ist. Das ist jetzt ein Angebot, wie wir dieses St├╝ck gelesen haben, wie man dieses St├╝ck lesen kann. Jemandem kann es gefallen, dem anderen wird es nicht gefallen, was auch gut ist. Es entsteht ein kultureller Dialog und das meiner Meinung nach die Aufgabe der Kultur ├╝berhaupt.

HELDENPLATZ ALS FAMILIENTRAG├ľDIE

In welchem Ma├če unterscheidet sich die Auff├╝hrung in Kroatien vom Heldenplatz in anderen L├Ąndern?

- Wenn ich mich nicht t├Ąusche, sind wir die Vierten ├╝berhaupt. Ich glaube, es gibt nur noch drei Heldenpl├Ątze. Ich kenne nicht alle drei, aber es ist auf jeden Fall so, dass alle drei Vorstellungen etwas ganz anderes als unsere waren, da bin ich mir sicher. Vielleicht waren sie dieser K├Ąlte Thomas Bernhards mehr treu als unser St├╝ck. Wir haben das auch radikal gestrichen und die Reihenfolge der Szenen gemischt. Dadurch haben wir eine ganz andere Vorstellung bekommen. Unterschiedlich ist auch diese Familientrag├Âdie, was immer wieder betont wird. Viele Leute reagieren ganz aufgeregt auf diesen Begriff und sagen: Um Gottes Willen, Heldenplatz ist doch keine Familientrag├Âdie! Das kann man nicht belegen. Ich denke, wir haben gezeigt, dass man es auch so auslegen kann. Warum denn nicht? Gut, man k├Ânnte sagen, das sei eine menschliche Trag├Âdie, nicht nur Familientrag├Âdie, das ist aber nur Provokation im Bernhardschen Sinne.

Heldenplatz wurde zum ersten Mal im November 1988 aufgef├╝hrt. Die Rezeptionsgeschichte rund um die Urauff├╝hrung ist bekannt...

- Man kennt also die ganze Geschichte: Der Text, beziehungsweise Ausschnitte aus dem Text sind illegal ver├Âffentlicht worden. Die Tatsache, dass es zu einem politischen Skandal gekommen ist, dass prominente Politiker verlangt haben, dass Thomas Berhard aus dem Land rausgeschmissen wird, ist be├Ąngstigend. Nicht die Tatsache, dass Thomas Berhard schreibt, in Wien gebe es heute mehr Nazis als 1938. Man kann sagen, er sei der alte Zyniker, der ├╝bertreibt; er ist einfach ein gro├čer Kulturpessimist, den man nicht ernstnimmt. Die Tatsache, dass Leute, und zwar nicht nur rechtsorientierte wie Haider, sondern sogar Sozialdemokraten, die eigentlich sehr liberal und sehr freidenkend sein sollten, verlangt haben, dass die Premiere aus dem Repertoire des Burgtheaters gestrichen wird, empfinde ich als den wahren Skandal. Das beweist, dass Thomas Bernhard leider vielleicht doch nicht nur ├╝bertrieben hat, wie wir meinen, oder wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.


 

EIN LEERER RAUM F├ťR BERNHARDS HELDENPLATZ
(MARTINA DRPI─ć IM GESPR├äCH MIT DEM SZENOGRAFEN HANS GEORG SCH├äFER)

Die Auff├╝hrung von Thomas Bernhards Heldenplatz im Gavella Theater hat mit seinem ungew├Âhnlichen Szenenbild f├╝r Wirkung beim Publikum gesorgt. In einem Gespr├Ąch mit dem Szenografen Hans Georg Sch├Ąfer wollten wir Einblick in die Ideen und Motive gewinnen, die er im Bezug auf die Inszenierung gehabt hat, aber auch in Einzelheiten der Realisierung.

Welche Schritte liegen zwischen dem Inszenierungskonzept und seiner Umsetzung auf der B├╝hne?

Ich wohne in derselben Stadt wie der Regisseur Samorai - in Bonn, so dass wir h├Ąufig Gelegenheit haben, einander zu treffen. Schon zu Weihnachten 2002, also vor elf Monaten haben wir zum ersten Mal ├╝ber den Heldenplatz gesprochen. Nat├╝rlich fangen wir mit dem Gespr├Ąch an, nachdem wir das St├╝ck beide gelesen haben und es relativ gut kennen, als Dramentext. Bei mir war es so, das ich verh├Ąltnism├Ą├čig viel Thomas Bernhard gelesen habe: andere Texte, andere St├╝cke. Ich bin ein gro├čer Liebhaber dieses Autors, er war mir in seiner Thematik schon bekannt. So viel es mir leicht, mit Samorai ├╝ber das St├╝ck zu diskutieren.
Dabei haben wir sehr schnell begriffen, dass wir dieses St├╝ck in einem nicht deutschsprachigen Land auf jeden Fall reduzieren m├╝ssen: dass wir viele Dinge, die im deutschsprachigen Land bekannt sind, nicht wiedergeben k├Ânnen - man muss eine andere Sprache finden. Hinzu kommt, dass der Regisseur nat├╝rlich im w├Ârtlichen Sinne die Sprache Thomas Bernhards benutzen kann, aber ich als B├╝hnenbildner, als Szenograf, ich muss eine neue Sprache finden. Ich baue immer sehr genaue Maketten, sehr genaue Modelle. Das Modell haben wir dann immer weiter reduziert, immer mehr naturalistische Dinge weggelassen... Dass, was ├╝brig blieb, war fast im Sinne von Peter Brook, der ein ber├╝hmtes Buch verfasst hat: The empty space. Wir sind zu einem beinahe leeren Raum gelangt, ohne dass es tats├Ąchlich ein leerer Raum ist. Was man sieht, ist ein ganz spezifischer Raum und doch kann man sagen, die B├╝hne ist eigentlich leer. Man sieht fast nichts, nur noch diese zeichenhafte, mit dem Lineal gezogene perspektivische Andeutung, eine szenische Begrenzung.

Wie gro├č ist der Einfluss des Regisseurs auf Ihre Vorstellungen? Kommen Sie mit einem autonomen Bild, oder schl├Ągt es der Regisseur vor? Wie lief die Zusammenarbeit bei dieser Auff├╝hrung?

Ich kenne den Regisseur schon viele Jahre, aber ich habe nie mit ihm gearbeitet. Wenn man am Anfang einer Arbeit steht, dann muss man erst eine Begriffsklarung machen - jeder Mensch hat andere Empfindung, einen anderen Sinn f├╝r Musik, ├ästhetik, Humor; so muss man erstmal durch viele Gespr├Ąche eine gemeinsame Sprache finden. Ich baue immer genaue Maketten im Ma├čstab 1:20, da kann man dann sagen: "Schau mal, so, wie es an diesem Modell ist, so sehe ich es. Findest du das gut oder nicht? So ist die Farbe, so der Stuhl..." Ich baue jedes Detail im Modell ganz genau nach, und so kommen wir schneller zu einem gemeinsamen Ziel. Dann kann er auch sagen: "Nein, das ist nicht gut." Oder, ich habe eine Idee, aber im Modell sehe ich, dass es nicht gut ist und dann uberlege ich mir eine neue. Spater rufe ich ihn an und sage: "Ich habe etwas Neues gemacht, komm und schau dir das an." Und dann diskutieren wir es wieder, so dass er auch eigene Vorschl├Ąge gibt.
Eine gute Arbeit ist es, wenn man nicht mehr wei├č: hat er die Idee gehabt oder ich? Das hei├čt "work in progress", eine Entwicklung, die auch w├Ąhrend der Proben mit den Schauspielern weitergehen kann. Ich kannte nicht alle Schauspieler, obwohl ich schon seit drei├čig Jahren gelegentlich in Kroatien arbeite.

Haben auch die Schauspieler Einfluss auf das Aussehen der Szene?

Auf das Aussehen der Szene haben sie wenig Einfluss. Das Kost├╝m soll den Charakter des Schauspielers darstellen, oder den Charakter, den wir im St├╝ck von dieser Rolle erwarten. Wie der Schauspieler aussieht, das m├╝ssen wir mit dem Kost├╝m verst├Ąrken; nicht irgendein Phantasiekostum machen und sagen: "Zieh du das an, und so musst du das spielen" - das w├Ąre Unsinn. Ich muss im Kost├╝m den Charakter entwickeln - f├╝r die Rolle, mit dem Schauspieler. Nat├╝rlich kann es passieren, dass wir szenisch was ├Ąndern: Der alte Mann mit dem Stock (Robert Schuster), der pl├Âtzlich hinf├Ąllt - das war nicht im Text, das war eine spontane Erfindung. Das sind Klenigkeiten, aber sie beeinfl├╝ssen auch die Szene.

Gab es bei anderen Auff├╝hrungen von Heldenplatz schon Modelle f├╝r das Aussehen der Szene bei dieser Inzenierung? Haben sie sich dieser Modelle bedient?

Das St├╝ck wurde in Wien uraufgef├╝hrt, und es war ein riesiger politischer Skandal. Erst zehn Jahre sp├Ąter wurde es in Frankfurt am Main und einmal in Paris aufgef├╝hrt. Bei der Auff├╝hrung in Paris war es so, dass der Verleger, oder der, der jetzt die Rechte hat an den St├╝cken von Thomas Bernhard, es verboten hatte, weil er mit dieser Auffuhrung sehr unzufrieden war.
Ein Gl├╝ck war es, dass wir hier in Kroatien die Rechte bekommen haben, das St├╝ck ├╝berhaupt aufzuf├╝hren. Der Nachlassverwalter von Thomas Bernhards Werken hat sehr kritisch gesagt: "Nein, das ist verboten." Wir haben durch einen Freund in der Thomas Bernhard-Gesellschaft, Nikolaus Kinsky, die Rechte fur die Auff├╝hrung in Zagreb bekommen. Dashalb gibt es auch kein Vorbild. Ich habe mir nur die Fotos angeschaut von der Urauff├╝hrung in Wien; diese hat ein ber├╝hmter Szenograf gemacht und das war sehr viel naturalistischer: da war ein richtiger Park in der Parkszene und es wurden die R├Ąume, richtige Innenraume dargestellt. Hier haben wir auch einen Park, aber es stehen immer dieselben St├╝hle herum, es sind dieselben St├╝hle auch im Esszimmer, obwohl es eigentlich Parkst├╝hle sind. Also, eine Stilisierung, Reduzierung auf die n├Âtigsten Mittel. Die Szene in Paris habe ich nicht gesehen.

In welchem Ma├če haben Sie sich also der textuellen Vorlage bedient?

Davon habe ich gar nichts benutzt. Man wei├č sowieso nicht, wie der Park vor dem Burgtheater aussieht. Da sind die Schauspieler, sie unterhalten sich, laufen im Park herum... und man muss daf├╝r einen ├Ąsthetischen Raum finden. Die Frau, die b├╝gelt, braucht ein B├╝gelbrett. Das klingt sehr einfach, aber wir m├╝ssen genau wissen, was wir alles brauchen, wie wir es mit dem Licht machen... Wir haben sehr viel mit dem Licht gemacht, aber der Zuschauer soll das nicht merken.

Gab es Probleme mit den Materialien oder mit dem Geld?

Nein, ├╝berhaupt nicht. Ich mache diesen Beruf schon seit vielen Jahren. Hier in Gavella gibt es einen wunderbaren technischen Leiter; ich verstehe mich wunderbar mit ihm und alles was ich wollte, konnte man hier auch realisieren.
In Deutschland bekomme ich viel mehr Geld f├╝rs Bauen einer Dekoration, aber das, was ich hier gemacht habe ist sowieso reduziert, so dass es keine finanzielle Frage war. Selbst wenn ich hier ganz viel Geld gehabt h├Ątte, w├╝rde ich es nicht brauchen - ich brauche hier nur diesen Rahmen, mehr brauche ich ├Ąsthetisch nicht. Also bin ich nicht beschr├Ąnkt durch die finanziellen Mittel. Ich wurde auch nicht gefragt, wieviel das kostet.

Theater im Theater - das ist eine interessante Dimension des St├╝ckes. Doch in Ihrem B├╝hnenbild sieht man ├╝berhaupt nicht, dass da ein Theater - das Burgtheater - auf der B├╝hne sichtbar wird.

Das war auch meine Intention! Hier ist es nicht so wichtig. Das Burgtheater ist ein Nationaltheater, wenn also ein ├ľsterreicher etwas B├Âses sagt ├╝ber das Burgtheater, beleidigt er die Nation. Wenn ich etwas B├Âses sage ├╝ber Gavella, dann beleidige ich gar niemanden in Kroatien - das ist meine Privatmeinung - ein Kroate f├╝hlt sich nicht pers├Ânlich beleidigt. Ich muss hier also nicht das Burgtheater auf der B├╝hne zeigen, weil der Begriff des Burgtheaters fur einen Kroaten gar kein Begriff ist. Es ist nicht meine Arbeit, hier ein Kommentar ├╝ber eine inhaltliche Sache zu geben, die man nicht verstehen wurde.
Den Heldenplatz darstellen - in ├ľsterreich w├Ąre das etwas ganz anderes. In ├ľsterreich oder auch in Deutschland wei├č man, was der Heldenplatz bedeutet: Der Platz, auf dem Hitler seine Rede gehalten hat auf irgendeinem Balkon, zum Anschluss ├ľsterreichs. Also: der Nationalsozialismus. In Kroatien wei├č das kaum jemand. Deshalb muss ich das nicht darstellen, sondern nur einen Raum finden, in dem diese Dinge m├Âglich sind, mit m├Âglichst wenig konkreten Bez├╝gen, um nicht zu irritieren und trotzdem eine Klammer f├╝r den Text zu finden. Ich glaube, dies auch erzielt zu haben.


 

THOMAS BERNHARDS HELDENPLATZ - AUS DER SCHAUSPIELERPERSPEKTIVE
(NIKOLINA DIMITROV IM GESPR├äCH MIT KSENIJA PAJI─ć UND SRETEN MOKROVI─ć)

Bereits in der vorigen Theater-Saison (2002/03) kam der Vorschlag von ETK Donadria aus Wien (Europ├Ąisches Theater- und Kulturzentrum) an das Zagreber Gavella Theater, das St├╝ck Heldenplatz von Thomas Bernhard zu inszenieren. Der Regisseur David Mouchtar Samorai kam regelm├Ą├čig nach Zagreb, sah einige Theatervorstellungen und Videoaufnahmen, und nach ein paar individuellen Gespr├Ąchen mit Schauspielern hatte er ├╝ber die Verteilung der Rollen entschieden. Wir haben mit zwei Schauspielern des Gavella Theaters ├╝ber die Vorstellung und die Arbeit mit dem Regisseur Samorai gesprochen, sowie dar├╝ber, wie sie das St├╝ck Heldenplatz und den Schriftsteller Thomas Bernhard erlebt haben.

Die ersten Eindr├╝cke

Nachdem sie den Originaltext zum ersten Mal gelesen hatten, waren die Schauspieler Ksenija Paji─ç (Anna Schuster) und Sreten Mokrovi─ç (Herr Landauer) nicht besonders beeindruckt:
"Mein erster Gedanke", sagt Sreten Mokrovi─ç, "ist gewesen: Mein Gott, kann so was ein dramatischer Text sein? Wahrscheinlich wegen der Gewohnheit, wegen meiner Erwartungen, wie ein dramatischer Text aussehen sollte - dass etwas Dramatisches passiert, mit einem Konflikt, mit Spannung, wie bei Shakespeare oder Tschechow... Nichts davon habe ich in diesem Text gefunden. Doch dann, nachdem ich den Text zum zweiten Mal gelesen hatte, begann ich zu begreifen, wo der Schl├╝ssel liegt, was uns der Autor suggeriert und wor├╝ber er eigentlich schreibt. Und das gefiel mir. Erst dann begann der Text mich zu interessieren, erst dann hatte er mein schauspielerisches Interesse erregt."
Ihre Figur hatte Ksenija Paji─ç anfangs nicht sehr begeistert: "Jetzt, nachdem das St├╝ck aufgef├╝hrt worden ist, kann ich sagen, dass die Rolle, die mir nach dem ersten Lesen am meisten gefallen hatte, diejenige der Frau Zittel war. Zuerst hatte ich den Originaltext, nicht also die verk├╝rzte Version, gelesen und Annas Rolle schien mir dann nicht so wichtig. Sp├Ąter aber, als das Original verk├╝rzt wurde, trat Annas Figur in den Vordergrund und deshalb kann ich jetzt sagen, dass ich wirklich eine wichtige Rolle in dieser Vorstellung spiele.
Am Anfang, wie gesagt, schien mir die Figur der Anna etwa trocken zu sein, aber durch die Arbeit mit David hatte ich entdeckt, dass sie viel mehr Dimensionen und Ebenen hat, als ich zun├Ąchst wahrgenommen hatte. Sie ist eine Frau mit Erfahrung, eine starke, k├Ąmpferische Person. Sie verf├Ąllt in keine Depressionen, anders als ihre j├╝ngere Schwester z. B., und steht mit beiden F├╝├čen fest auf der Erde. Irgendwie f├╝hlt sie doch die Schuld wegen des Todes ihres Vaters, vielleicht deswegen, weil sie ihn zwei Jahre lang nicht besucht hatte und weil sie zwei Jahre lang mit ihm nicht geredet hatte. Und das sp├╝rt man im ganzen Drama."

Die Arbeit mit David Samorai

Im Juni wurden die Rollen verteilt und Ende August hatten die Proben begonnen. Es seien keine ├╝blichen Proben gewesen, stimmen Ksenija und Sreten zu. Sie h├Ątten sehr lange gedauert und seien sehr anstrengend gewesen. Normalerweise w├╝rden die Proben im Gavella-Theater von 10 bis 14 Uhr dauern, aber diese seien noch l├Ąnger und intensiver gewesen (t├Ągliche Proben). David sei ein sehr pr├Ąziser Regisseur und Heldenplatz ein wirklich anspruchsvoller Text. ├ťber die Zusammenarbeit mit David Samorai haben die beiden allerdings nur gute Worte:
"Ich fand es wirklich sehr angenehm", sagt K. Paji─ç. "Ich habe so viel von David gelernt. Die Proben waren anstrengend, aber immer auch eine gro├če Freude." Au├čerdem mag sie sehr mit Regisseuren aus dem Ausland arbeiten. Nicht weil sie besser seien, sonder weil es immer wieder eine neue Erfahrung sei, eine neue Person, ein neues Gesicht, eine neue Vorgehensweise, was immer interessant sei.
Ein Problem k├Ânne allerdings die Sprache sein. Ihr sei das eine ausgezeichnete Gelegenheit, ihr Englisch zu ├╝ben, aber Schauspieler, die Englisch nicht beherrschen, bef├Ąnden sich im Nachteil. Obwohl sie stets einen ├ťbersetzer h├Ątten, sei das nicht das Gleiche - keine direkte Kommunikation. Die Theatersprache, wie Ksenija erkl├Ąrt, habe ihre Besonderheiten. Der ├ťbersetzer k├Ânne etwas falsch verstehen und dann falsch ├╝bersetzen. Das erschwere die Kommunikation Schauspieler - Regisseur.
"David arbeitet auf eine spezifische Art und Weise", sagt S. Mokrovi─ç. "Wir hatten uns nicht mit den Analysen der Figuren, mit ihren Charakteren oder Eigenschaften besch├Ąftigt, hatten nicht ├╝ber die Verh├Ąltnisse zwischen den Figuren geredet, was wir sonst pflegen zu tun. Nein, David ging direkt in den Text. Er beharrte auf dem Rhythmus des Textes, so dass wir auf diese Weise f├╝hlen, was Bernhard durch jene Figur sagt, was sie ├╝berhaupt im Kontext dieser Familie, jener Gesellschaft bedeutet. Auch hatte er eine Ruhe, eine Stille von uns verlangt. Er sagte immer: weniger ist mehr. Dieser Text ist komisch und traurig und ironisch, aber unser Ziel war nicht, komisch, traurig oder ironisch zu sein. Wir wollten zeigen, wie sich die Figuren pers├Ânlich in jenem Moment, also nach dem Begr├Ąbnis, f├╝hlen."
Wie pr├Ązis David Samorai ist, zeigt die Tatsache, dass die Schauspieler ganz genau gewusst haben, wann sie sich setzen sollten, wann jemand aufsteht, wo genau sie stehen m├╝ssten. Auch sei die Stelle, an der Ksenija und Sreten scheinbar versehentlich zur gleichen Zeit zu reden beginnen, inszeniert. Und all dies mit der Absicht, realistischer und ├╝berzeugender zu sein.

Familientrag├Âdie oder politisches St├╝ck?

Bernhard ist kein gew├Âhnlicher Autor und seine Texte haben immer f├╝r einen gro├čen Wirbel gesorgt, besonders in ├ľsterreich. Wir wollten wissen, ob den Schauspielern die dargelegten Behauptungen ├╝ber Schauspieler und Theater im Heldenplatz st├Âren, z. B. diese von Professor Robert: Schauspielerinnen T├Ąnzerinen das ist doch nichts... Das Theater war doch immer nur ekelhafte Wichtigtuerei...
"Mich st├Âren solche Aussagen nicht", sagt Ksenija. "Ich finde sie komisch und nehme sie nicht ernst. Wie Bernhard selbst sagt - er ├╝bertreibt, und nur auf solche Art und Weise kann man pointiert auf etwas hinweisen. Onkel Robert ist zynisch, er spottet ├╝ber alles und alle, aber, meiner Meinung nach, nicht um jemanden so zu beleidigen. Er lobt ebenso niemanden."
Auf dem Symposion im Rahmen der Thomas-Bernhard-Tage wurde der Zagreber Inszenierung eine verfehlte Interpretation des St├╝ckes vorgeworfen. Statt eines politischen St├╝ckes h├Ątten wir eine Familientrag├Âdie gesehen. Doch Ksenija Paji─ç meint, sie h├Ątte die Rolle nicht akzeptiert, wenn es nicht um Bernhard, sondern um eine zeitgen├Âssische politische Adaption gegangen w├Ąre, in der S├Ątze zu h├Âren gewesen w├Ąren wie: "die Kroaten ingesamt als Masse sind heute ein brutales und dummes Volk... vier Milionen Debile und Tobs├╝chtige... in Kroatien mu├čt du entweder Kommunist oder katholischer Ustascha sein, und zwar hundertprozentig kommunistisch und hundertprozentig Ustascha... in Kroatien haben Serben und Moslems nichts verloren...". Ksenija versteht Bernhards Text nicht ausschlie├člich als Kritik an einer konkreten Gesellschaft, sondern als Kritik der Gesellschaft ├╝berhaupt.
"Hier geht es um den Mangel an geistlichen, politischen und kulturellen Kriterien und Werten. Meiner Meinung nach schreibt Bernhard ├╝ber die Gesellschaft im Allgemeinen, und tats├Ąchlich hat er in vielem Recht. Aber mich interessierte in diesem Text nicht so sehr diese politische Seite. H├Ątten wir uns nur darauf konzentriert, w├Ąren wir nur auf dieser Ebene geblieben, dann w├Ąre dies sehr flach. Dann w├╝rden wir nur auf eine Sensation hinspielen - die Sensation wird das Publikum ins Theater bringen, die Sensation wird den Saal verkaufen - was mir falsch scheint. Heldenplatz ist kein solcher Text. Mich interessiert eine andere Dimension - zwischenmenschliche Beziehungen, das Verh├Ąltnis zwischen den Schwestern, das Mutter-Vater-Verh├Ąltnis, das Vater-Tochter-Verh├Ąltnis, Probleme also in einer Familie, in der viele Dinge nicht stimmen - und heute gibt es viele solche Familien."

Bernhard als Inspiration

Als eine weitere Besonderheit des Textes hebt die Schauspielerin Bernhards Sprache hervor: "Seine Poetik gef├Ąllt mir sehr. Die Sprache an sich ist ziemlich kompliziert. Wir hatten uns mit der Sprache intensiv besch├Ąftigt. Sie wissen, wie Bernhard geschrieben hatte, ohne Interpunktion. Eigentlich hat seine Sprache einen besonderen Rhythmus, vergleichbar mit Versen, und darauf beharrte auch David. Am Anfang klang das ein bisschen ungew├Âhnlich, k├╝nstlich, aber sp├Ąter ist dies ganz normal geworden und klingt, wie mir scheint, nat├╝rlich. Es freut mich, dass es uns gelungen ist, Bernhards Schreibweise auf der B├╝hne darzustellen.
Bernhards Ausdrucksweise gef├Ąllt auch Sreten Mokrovi─ç: "Im Text gibt es fast keine Regieanweisungen. So gibt Bernhard dem Regisseur und den Schauspielern eine gewisse Freiheit der Interpretation, und das empfinde ich als anregend. Als ob er uns vertraut, als ob er wei├č, dass die Schauspieler sich wirklich bem├╝hen werden, um das zu entdecken, was im Text nicht steht. Landauer sitzt fast die ganze Zeit gebeugt, den Kopf zwischen den H├Ąnden - so zeigt er seine Verzweiflung, zeigt, wie er sich in dieser traurigen Situation, nach dem Begr├Ąbnis seines Vorbildes, f├╝hlt. In einer Situation, in der alle daherreden, aber niemand niemandem zuh├Ârt oder zuh├Âren will. Er redet nicht viel, aber sagt vieles ├╝ber sich. Ohne Worte.
Die Schauspieler haben Bernhard also ├╝berhaupt nicht als einen politischen Autor erlebt, im Unterschied zu vielen Teilnehmern des Symposiums. Was die Schauspieler eher fasziniert hat, ist Bernhard als Person. Sreten Mokrovi─ç meinte am Ende unseres Gespr├Ąchs: "Thomas Bernhard hatte so viel erlebt. Sein Leben ist so interessant, so untypisch, so mutig, dass es als solches sowohl f├╝r einen Regisseur wie auch f├╝r einen Schauspieler wirklich sehr inspirativ sein kann."

Die Gespr├Ąche wurden am 21. November 2003 gef├╝hrt.

 

Ksenija Paji─ç, kroatische Schauspielerin, geboren 1961 in Rijeka. Seit ├╝ber 20 Jahren als Schauspielerin t├Ątig. Im Theater Gavella in Zagreb spielt sie seit 1987. "Leda", 1987; "The importance of beeing Earnest", 1993 (f├╝r die Rolle der Gwendolen Fairfax hat sie 1994 den wichtigsten kroatischen Theaterpreis Nagrada hrvatskog glumi┼íta bekommen); "Krach in Chiozza", 1996; "Ein Monat auf dem Lande", 1998; "Ach, Nora, Nora", 1999; "Kako sam nau─Źila voziti" ("Wie ich fahren gelernt habe"), 2000; "Heldenplatz", 2003, sind nur einige von vielen Theatervorstellungen, in denen sie gespielt hat. Sie hat auch in vielen Filmen gespielt: "Oficir s ru┼żom" ("Offizier mit Rose), 1987 - f├╝r die Rolle in diesem Film wurde ihr ein Preis beim Filmfestival in Venedig verliehen; "Mar┼íal"("Marschall"), 1999; "Garcia", 1998; "Ledina" ("Brachland"), 2002, vorgestellt auf der Berlinale 2003.

Sreten Mokrovi─ç, kroatischer Schauspieler, geboren 1957 in Zagreb. Seit 1984 ist er Mitglied des Zagreber Theaters Gavella. Als einer der engagiersten kroatischen Schauspieler hat er in vielen Filmen und Theatervorstellungen gespielt. Filmrollen: "Daj ┼íto da┼í" ("Whatever you can spare"), 1979; "The Forgotten" (US-Produktion) 1989; "Tre─ça ┼żena" ("Dritte Frau"), 1997; "─îetverored" ("Viererreihe"), 1999; "Jel jasno prijatelju?" ("Ist das klar, Freund?"), 2000. Theaterrollen: "Ein Monat auf dem Lande", 1998 (f├╝r die Rolle von Boljschnitzow wurde ihm 1998 der wichtigste kroatische Theaterpreis Nagrada hrvatskog glumi┼íta verliehen); "All In The Timing", 2000; "Bahke", 2000; "Antigona in New York", 2002; "Heldenplatz", 2003.


 

BERNHARD IN DER STADT. DIE REZEPTION DER THOMAS BERNHARD-TAGE IN ZAGREB
(EIN BERICHT VON VEDRANA HOZJAN UND MARINA MIJI─ć)

Ein regelrechter kultureller Angriff wurde vom 6. bis 8. November 2003 auf Zagreb ver├╝bt, unter dem Motto: Lernen Sie Thomas Bernhard kennen! In diesen drei Tagen wurde eine Lesung aus seinen Werken veranstaltet, eine Ausstellung im Foyer des Gavella Theaters Publikum er├Âffnet, ein internationales Symposion im Goethe-Institut organisiert, mit dem Ziel, Forscher, Kenner und Verehrer Bernhards zu versammeln, um ihnen die M├Âglichkeit zu geben, ├╝ber die Besonderheiten seiner Werke zu diskutieren und seine Bedeutung f├╝r den europ├Ąischen Kulturkreis zu best├Ątigen. Der H├Âhepunkt dieser Veranstaltungsreihe, die den schlichten Titel "Thomas Bernhard-Tage in Zagreb" trug, war die Premiere des Dramas Heldenplatz (Trg heroja) im Gavella Theater. Das St├╝ck wurde vor kurzem von Sead Muhamedagi─ç ins Kroatische ├╝bersetzt und wird bald auch in Buchform erscheinen.
Ob diese vielf├Ąltigen Veranstaltungen ein gewisses Interesse bei LeserInnen moderner, provokativer Dramen und dem Theaterpublikum erweckt hat und wie stark die Rezeption der Thomas Bernhard-Tage in Zagreb war, haben wir sorgsam beobachtet und anhand der Besucherzahlen und ihrer Aussagen "gemessen".
Um von den wahren Bernhard-Kennern mehr ├╝ber ihn zu erfahren, h├Ątte man auf jeden Fall das Symposion besuchen sollen (7. und 8. November). Diese Gelegenheit n├╝tzten nicht viele, obwohl die Veranstaltung am Tag zuvor in der Presse angek├╝ndigt war.

Es war wundersch├Ân, doch es kann langweilig werden

Die kroatische Premiere des Dramas Heldenplatz, das bei der ├Âsterreichischen Urauff├╝hrung 1988 einen riesigen Skandal ausgel├Âst hatte, hat erwartungsgem├Ą├č das gr├Â├čte Interesse geweckt. Bei der Erstauff├╝hrung am 7. November war das Theater voll, aber auch am Tag danach war die Vorstellung ausverkauft.
Leider mussten wir bei einer Umfrage nach dieser Auff├╝hrung feststellen, dass es f├╝r die meisten Besucher die erste Begegnung mit Thomas Bernhard war. Menschen, die ins Theater kamen, gerade weil sie schon etwas von Bernhard und seinen Werken geh├Ârt haben, bildeten eine Minderheit. Uns interessierten Meinungen beider Gruppen zu dem gesehenen St├╝ck. Deshalb warteten wir vor dem Theaterhaus auf die hinausstr├Âmenden Massen, und stellten einigen die entscheidende Frage: Wie hat Ihnen das St├╝ck gefallen?
Und so lauteten die Antworten: "Es ist wundersch├Ân!"; "Na ja, der Text ist sehr wichtig. Das St├╝ck ist sehr statisch. Wenn man es nicht aufmerksam verfolgt, kann es langweilig werden."; "Man muss sich auf das St├╝ck konzentrieren. Sonst ist es ganz gut!"; "Es ist ein wenig zu langsam. H├Ątte schneller sein k├Ânnen!"; "Mir gefallen solche Themen ├╝berhaupt nicht und der Text ist auch ziemlich schlecht. Das Original ist besser!"; "Es ist scheu├člich! Ich habe noch nie etwas Schlechteres gesehen. Ich h├Ątte w├Ąhrend der Auff├╝hrung ein Nickerchen machen m├╝ssen!".
Unsere Gespr├Ąchspartner waren bereit, ausf├╝hrlich ├╝ber das St├╝ck zu reden, wahrscheinlich weil sie noch unter dem Eindruck der Auff├╝hrung standen. Wir durften uns die Chance nicht entgehen lassen und stellten ihnen weitere Fragen: Was denken Sie ├╝ber eine Adaptation des St├╝cks im Sinne der kroatischen Verh├Ąltnisse, unserer Geschichte und dieser Gesellschaft? Bernhard wirft der ├Âsterreichischen Gesellschaft vor, nationalsozialistisch zu sein. Wie w├╝rden unsere ├ľffentlichkeit auf die Erw├Ąhnung von Jasenovac reagieren, dem Konzentrationslager, wo die von den Ustaschas gefangene Serben, Juden und Roma festgehalten wurden? Oder auf die Erw├Ąhnung von Serben, Heimatkrieg und Kriegsverbrecher?
Um die erhaltenen Antworten zusammenzufassen, sagen wir nur, dass viele in den Repliken aus dem St├╝ck, wo der kleine Staat mit einem gro├čen Misthaufen verglichen wird, in dem man nur zwischen den roten und schwarzen Schweinen w├Ąhlen kann, wo der Bundeskanzler als unf├Ąhig charakterisiert wird - Kroatien erkannt haben. ├ťber eine v├Âllige Adaptation und Anpassung der Geschichte Kroatiens hatte sich niemand Gedanken gemacht. Einige waren mit dem St├╝ck gar nicht einvestanden: "Nich alle ├ľsterreicher haben die Juden verfolgt, also ├╝bertreibt Bernhard gewaltig", oder: "Wenn das die ├Âsterreichische Gesellschaft ist, dann bin ich Formel-1-Fahrer!".

Der kulturbewusste Zeitungsverk├Ąufer

Beim Ausgehen blickten viele auf die ausgestellten Fotos und Manuskripte von Thomas Bernhard, und nun konnten wir sicher sein, dass ein kleiner Teil der Zagreber B├╝rger an den Thomas Bernhard-Tagen teilgenommen hat.
Doch uns interessierte viel mehr, ob diejenigen, die nicht ins Theater gehen, wussten, dass Zagreb im Zeichen von Thomas Bernhard stand. Wir befragten zuf├Ąllige Passanten. Das Resultat war besch├Ąmend: Die meisten haben gesagt, dass sie niemals etwas ├╝ber Thomas Bernhard geh├Ârt haben und sein Werk ├╝berhaupt nicht kennen. Nur eine einsame Seele, die wir bei der Arbeit erwischt haben, war dar├╝ber informiert, dass in Zagreb Veranstaltungen zu Bernhards Leben und Werk organisiert werden und sie konnte uns auch sagen, wer Bernhard war. Dieser ├╝berdurchschnittlich informierte Mensch war ein Zeitungsverk├Ąufer; wir waren so frei zu vermuten, er habe w├Ąhrend seiner Arbeitszeit die Tagespresse durchgebl├Ąttert.
Der n├Ąchste Schritt unserer Untersuchung war eine aufmerksame Verfolgung der Berichterstattungen in den Medien dieser Woche (5. - 11. November 2003), nicht um nach die Informationsquellen des kulturinteressierten Zeitungsverk├Ąufers zu suchen, sondern um die Anteilnahme der Medien an diesem einmaligen Ereignis zu messen.
Kurz gesagt, es gab keine Zeitung, die nicht ├╝ber Thomas Bernhard und "seine" Tage in Zagreb schrieb; aber sehen wir einmal was eine Leserin/ ein Leser ihnen wirklich entnehmen konnte.

Das Medien-Echo: zwischen ernster Kritik und Sensationalismus

W├Ąhrend man in einigen Bl├Ąttern blo├č Fakten aus Bernhards Lebenslauf zu lesen bekam, setzten die anderen den Schwerpunkt ihrer Berichte auf eine ausf├╝hrliche Schilderung der Geschehnisse in ├ľsterreich unmittelbar vor und nach der Urauff├╝hrung von Heldenplatz, wobei man auch zur ├ťbertreibung neigte. Es gab aber auch durchaus seri├Âse Theaterkritiken, dessen wichtigstes Anliegen die kroatische Premiere des St├╝cks und die Leistungen ihrer Urheber war.
Die Thomas Bernhard-Tage boten auch Anlass f├╝r anspruchsvolle Texte. Sibila Petlevski n├╝tzte das gestiegene Interesse am Autor und schrieb in ihrer Kolumne in der Literaturzeitung Vijenac (vom 13. November) einen Essay unter dem Titel Ethischer Instinkt. Darin versucht sie unter anderem eine Deutung von Bernhards Pessimismus anhand seiner Anschauung, die reinsten und heiligsten Begriffe wie Wahrheit, Identit├Ąt, Charakter, Autor, Humanismus und Wirklichkeit seien eigentlich verdorben und bek├Ąmen ihre wahre Bedeutung erst im gesellschaftlichen Kontext. Neben diesen abstrakten Thesen zu Bernhard, vers├Ąumt sie nicht, auch ├╝ber aktuelle Drama zu schreiben.
In den Artikeln, die in der Tageszeitung Jutarnji list erschienen sind, wurden die Veranstaltungen der Thomas Bernhard-Tage Tag f├╝r Tag einzeln angek├╝ndigt, wobei es nachtr├Ągliche Berichterstattungen regelm├Ą├čig in der Rubrik f├╝r Kultur zu lesen gab. Thomas Bernhard wurde als ein kontroverser ├ľsterreicher vorgestellt, der seine heftige Kritik an ├ľsterreich ├Ąu├čerte. Die Hauptidee von Heldenplatz sei n├Ąmlich die These, dass sich in ├ľsterreich im Zeitraum von 1938 bis 1988 nichts ge├Ąndert habe. Es wurden auch die heftigen Reaktionen der ├Âsterreichischen ├ľffentlichheit anl├Ąsslich der Urauff├╝hrung dargestellt. Es wurde bemerkt, dass sich die Zagreber Auff├╝hrug fast mit den Wahlen deckt, was zuf├Ąllig oder absichtlich sein k├Ânnte.
Der ├ťbersetzer Sead Muhamedagi─ç habe zusammen mit der Dramaturgin Dunja Dragojevi─ç die Reihenfolge der ersten zwei Szenen vertauscht und den Text buchst├Ąblich halbiert, was dem Text die Direktheit genommen und ihm eine Note universaler Kritik an der Fremdenfeindlichkeit gegeben habe. So habe auch das Drama an Heftigkeit verloren. Ivica Vidovi─ç wurde gelobt, weil er in der Rolle von Professor Robert dem statischen Drama Dynamik gegeben habe. Dies wurde besonders hervorgehoben: man lobte die Leistung von Ivica Vidovovi─ç, es sei das beste Schauspiel seiner Karriere.
Das Konkurenzblatt Ve─Źernji list blieb mit den Ank├╝ndigungen aller Veranstaltungen nicht nach, doch es gab seinen Lesern mehr Informationen zum Autor und zu den Reaktionen, die Bernhard mit seinen Werken in seiner Heimat hervorgerufen hat. Im Obzor (8. November), der Samstagsbeilage f├╝r Politik, Kultur und Wissenschaft, wurde Heldenplatz f├╝r den Tod seines Autors schuldig gesprochen. Bernhard sei n├Ąmlich an den durch die Rezeption und den Skandal des Dramas hervorgerufenen Herzbeschwerden gestorben. ┼Żelimir Ciglar, Autor dieses Artikels, l├Ądt seine Leser ins Theater ein und macht Andeutungen auf Motive, die an Kroatien erinnern k├Ânnten. Zwei Tage nach dem Erscheinen dieses Artikels schlie├čt Ciglar in einem weiteren Artikel seinen Lob an alle Mitwirkendem mit dem Aufruf, die tiefe Bedeutung des St├╝ckes wahrzunehmen.
Die angesehene politische Tageszeitung Vjesnik gab allen Veranstaltungen der Thomas Bernhard-Tage durch l├Ąngere Texte mehr Aufmerksamkeit als andere, doch mit weniger Freiheit und Mut, diese auch kritisch zu kommentieren. Die Verfasser dieser Artikel schilderten vor allem die Geschehnisse um die ├Âsterreichische Urauff├╝hrung des Dramas, mit dem Hintergedanken, das Interesse f├╝r den Autor beim kroatischen Publikum zu wecken. Alle Artikel hatten eine klare Note distanzierter Berichterstattung.
Unter dem Titel "Eine Auff├╝hrung mit au├čertheatralischen Aussagen", in dem ├╝berregionalen Tagesblatt Novi list aus Rijeka (9. November), zieht Rade Dragojevi─ç eine Parallele zwischen der Handlung des Dramas und der gegenw├Ąrtigen politischen Situation in Kroatien. Kroatien stand zu diesem Zeitpunkt vor den Parlamentswahlen und alle Umfragen sprachen daf├╝r, dass die schwarze Koalition wieder an die Macht kommen wird. Deshalb empfiehlt der Autor den Lesern, sich das Drama anzusehen, um die Meinung der Wiener Professoren ├╝ber die Nazifizierung der ├Âsterreichischen Gesellschaft der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts zu h├Âren. Schwerpunkt dieses Textes, in dem sich der Autor dezidiert als kein Theaterkritiker ├Ąu├čert, ist es, die LeserInnen auf die zeit- und grenzenlose G├╝ltigkeit des Textes aufmerksam zu machen.
Tajana Ga┼íparovi─ç, Autorin des Artikels "Die schwarz-wei├če Welt", ver├Âffentlicht in der ├╝berregionalen Tageszeitung Slobodna Dalmacija aus Split (9. November), analysiert mehr als alle anderen Journalisten und Kritiker die Auff├╝hrung von ihrer k├╝nstlerischen Seite: die Dramaturgie, die Schauspielleistung, die Szenografie. Sie erkennt in den Figuren gleichzeitig Lebende und Tote, die an der Grenze zur Karikaturen stehen, sowohl Menschen als auch eine Art Puppenroboter in einer der "schweizer Uhr ├Ąhnelden Welt". Ihr Text hat klare Elemente einer ausgearbeiteten und ernsten Theaterkritik.
In dem Wochenblatt Globus hat der Kunsthistoriker Zvonko Makovi─ç in seiner Kolumne ├╝ber die Bernhard-Ausstellung im Gavella Theater berichtet, die dem Leser und dem Zuschauer einen bisher unterbelichteten gro├čen Autor n├Ąher bringen sollte.
Die Printmedien haben die Ereignisse korrekt verfolgt, auch im Rundfunk und Fernsehen gab es Berichte ├╝ber Thomas Bernhard; aber trotzdem verpassten die meisten B├╝rger Zagrebs die einmalige Gelegenheit, Thomas Bernhard kennenzulernen. F├╝r diejenigen, die auf Bernhards Werk neugierig geworden sind, wird es in den n├Ąchsten Monaten Gelegenheiten geben, Heldenplatz im Gavella Theater zu sehen. Aber vielleicht sollten die Organisatoren bei der n├Ąchsten Kulturveranstaltung, derer es in Zukunft hoffentlich noch mehr geben wird, etwas lauter und aufdringlicher in ihrer Werbekampagne sein?!


 

THOMAS BERNHARD F├ťR KROATISCHE LESER. ZUR WERKAUSGABE IM VERLAGSHAUS MEANDAR
(VON TIHANA SUZANI─ć, KLEMENTINA ┼áAN─îI─ć UND MIRTA TUTI─ć)

Wir (k├╝nftigen) Germanisten, die jeden Tag mit mindestens zwei Sprachen in Ber├╝hrung kommen, vergessen vielleicht leichter, was es bedeutet, die Werke eines deutschsprachigen Autors in Kroatien zu publizieren: Es bedeutet, einem breiten Publikum das Lesen ├╝berhaupt erst zu erm├Âglichen. Au├čerdem ist nicht zu vergessen, dass die Rede von Thomas Bernhard ist; einem Autor, dessen Werk, nach den Worten unseres Gesprechpartners, "keine Bestseller verspricht". Was es bedeutet, so einen Autor unserem Publikum vorzustellen, haben wir von Branko ─îegec vom Verlagshaus Meandar erfahren.

Bernhard in Auswahl

Dass Thomas Bernhard jetzt in Kroatien herausgegeben wird, kann man eigentlich Herrn ─îegec und seinen Mitarbeitern verdanken. "Ich besch├Ąftige mich mit Bernhard nicht den ├ľsterreichern zuliebe oder aus finanziellen Gr├╝nden, sondern ausschlie├člich wegen der Vorliebe, die meine Mitarbeiter und ich selbst f├╝r ihn haben", sagt ─îegec. Seit er in den 1980ern Wittgensteins Neffe gelesen habe (hrsg. in Novi Sad), habe er Bernhard auch in Kroatien vorzustellen gew├╝nscht. So kam es 1994 zu der ersten ├ťbersetzung von Bernhards Prosa: Der Stimmenimitator.
Was Meandar nun unternimmt, ist die Publikation einer Auswahl von Bernhards kurzen Prosatexten, Romanen und Dramen. Herausgeber ist Zvonko Makovi─ç, ein Kunsthistoriker von der Philosophischen Fakult├Ąt, den Branko ─îegec als "einen alten Bernhard- Fan" charakterisiert. Bis jetzt sind zwei B├Ąnde erschienen: 1. Imitator glasova (Der Stimmenimitator; ├╝bers. von Boris Peri─ç) und 2. Wittgensteinov ne─çak (Wittgensteins Neffe; ├╝bers. von Truda Stama─ç). Demn├Ąchst erscheint 3. Trg heroja (ausgew├Ąlte Dramentexte: Sve─Źanost za Borisa - Ein Fest f├╝r Boris; Lova─Źko dru┼ítvo - Die Jagdgesellschaft; Pred umirovljenjem - Vor dem Ruhestand; Trg heroja - Heldenplatz; ├╝bers. von Sead Muhamedagi─ç und Snje┼íka Kne┼żevi─ç). In Vorbereitung: 4. Midland u Stilfsu (Erz├Ąhlungen, ├╝bers. von Snje┼íka Kne┼żevi─ç); 5. Uzrok (Die Ursache, ├╝bers. von Helen Sinkovi─ç); 6. Podrum (Der Keller, ├╝bers. von Helen Sinkovi─ç); 7. Smu─çenost (Verst├Ârung, ├╝bers. von Snje┼íka Kne┼żevi─ç); 8. Gubitnik (Der Untergeher, ├╝bers. von Boris Peri─ç); 9. Drvarenje (Holzf├Ąllen, ├╝bers. von Helen Sinkovi─ç); 10. I┼í─Źeznu─çe (Ausl├Âschung, ├╝bers. Sead Muhamedagi─ç); 11. Zvonko Makovi─ç: ein Band ├╝ber T. Bernhard. Die B├Ąnde erscheinen in einer Auflage von 1000 Exemplaren - es kann also kaum die Rede von einem kommerziellen Produkt sein.

"Auch wir sind nicht weit von der ├Âsterreichischen Dumpfheit"

Welche Arbeitsschritte hat ein ├╝bersetztes Buch hinter sich, bevor wir es in der Buchhandlung erblicken? Nachdem die Verlagsrechte gekauft sind (die Rechte f├╝r Bernhards Werke sind alle bei zwei gro├čen Verlagsh├Ąusern: Suhrkamp und Residenz), erfolgt die ├ťbersetzung. In Fall der Bernhard-Ausgabe sind einige Texte schon ├╝bersetzt und m├╝ssen nur korrigiert werden, einige sind noch zu ├╝bersetzen, wobei der Verleger entscheidet, wer damit beauftragt wird. Im Fall von Heldenplatz hat der ├ťbersetzer Sead Muhamedagi─ç schon eine fertige ├ťbersetzung gehabt. Der Verleger Branko ─îegec sch├Ątzt die Zusammenarbeit mit den ├ťbersetzer/innen als gut ein. Nachdem er die ├ťbersetzung bekommt, liest er sie durch und warnt vor m├Âglichen Schwierigkeiten oder Unverst├Ąndlichkeiten.
"Ich glaube, dass Bernhard in Kroatien noch zu entdecken ist. Es gibt eine Reihe von Menschen, die ihn bis jetzt nicht gelesen haben, und die es jetzt sicherlich nachholen werden", sagt ─îegec auf die Frage nach der erhofften Rezeption. Er ist der Meinung, dass besonders kommende Generationen von Theaterleuten neue Dimensionen in Bernhards Dramen entdecken werden. Seine Dramentexte bieten viele M├Âglichkeiten und sind leicht zu kontextualisieren, denn, so ─îegec, "auch wir sind nicht weit von der ├Âsterreichischen Dumpfheit".


 

HELDENPLATZ AUF KROATISCH: EINE HERAUSFORDERUNG
(TIHANA SUZANI─ć UND KLEMENTINA ┼áAN─îI─ć IM GESPR├äCH MIT DEM ├ťBERSETZER SEAD MUHAMEDAGI─ć)

Beim Zagreber Verlag Meandar erscheint eine zehnb├Ąndige kroatische Werkausgabe Thomas Bernhards. Eine wichtige Rolle im Entstehungsprozess dieser Ausgabe spielen selbstverst├Ąndlich die ├ťbersetzer. "Bei der ├ťbersetzung von Werken ins Kroatische stammt die Idee manchmal vom Herausgeber, manchmal schl├Ągt der ├ťbersetzer ein Werk oder einen Autor vor, die ihm wichtig erscheinen. Wenn es um Theater geht, kann die Initiative auch vom Theaterdirektor oder Regisseur kommen", erkl├Ąrt Sead Muhamedagi─ç, der ├ťbersetzer mehrer Werke in dieser Ausgabe, darunter auch des Heldenplatzes.
Die Entstehungsgeschichte der letztgenannten ├ťbersetzung ist nicht uninteressant. Sead Muhamedagi─ç wurde von der Theaterorganisation ITI (Hrvatski centar ITI-UNESCO) beauftragt, eine Antologie des modernen ├Âsterreichischen Dramas zusammenzustellen. Darin sollte auch Thomas Bernhard vertreten sein; sein "Heldenplatz" schien Muhamedagi─ç am interessantesten zu sein. Doch wegen Bernhards testamentarischem Verbot, seine Werke in Antologien aufzunehmen, wurde es nicht gemacht. Dem folgte die Idee von Nikolaus Kinsky zur Veranstaltung der Thomas-Bernhard-Tage in Zagreb und eine Werkauswahl im Verlag Meandar. So kam Muhamedagi─çs Heldenplatz-├ťbersetzung auf die B├╝hne und in die Werkauswahl.

Die Qualen eines Bernhard-├ťbersetzers

Thomas Bernhard bereitete Sead Muhamedagi─ç gro├če Schwierigkeiten beim ├ťbersetzen. "Im Text gibt es keine Ausdr├╝cke oder Begriffe, mit deren ├ťbersetzung man Schwierigkeiten haben k├Ânnte", erkl├Ąrt Muhamedagi─ç. "Das Problem liegt eher in einer d├╝steren Atmosph├Ąre, die vom Anfang bis zum Ende des Werkes herrscht. Ich versuchte, mir die Ereignisse vorzustellen und das Gef├╝hl zu bekommen, alles f├Ąnde hier, um mich herum statt und ich n├Ąhme daran teil. Die Depression war schwer zu ertragen, ich war immer sehr m├╝de, litt an Schlaflosigkeit...", kommentiert Muhamedagi─ç.
Das gr├Â├čte Problem ist seiner Meinung nach die Schreibweise im Drama - die gebrochenen S├Ątze erscheinen in Versform, obwohl es keine wirklichen Verse sind. Au├čerdem gibt es im Text keine Interpunktion, was zur Mehrdeutigkeit einiger S├Ątze f├╝hrt. Ein kontroverser Satz war unter anderem auch: "Es wird schwer sein/ das Haus in Oxford zu verkaufen". Muhamedagi─ç ├╝bersetzte es mit: "Bit ─çe te┼íko/ prodati ku─çu u Oxfordu". Dem wurde vorgeworfen, dass es nicht der kroatischen Wortstellung entspr├Ąche.
"Thomas Bernhard schreibt sehr lange S├Ątze, die oft eine ganze Seite f├╝llen. Er unterbricht den Gedanken einer Person unerwartet und l├Ąsst sie von etwas ganz Anderem sprechen. Als die Dramaturgin Dunja Dragojevi─ç meine ├ťbersetzung las, hatte sie das Gef├╝hl, dass etwas ausgelassen worden w├Ąre. Aber es war nicht der Fall, ich musste den Satz auch mittendrin unterbrechen. Wegen der ungew├Âhnlichen syntaktischen Konstruktionen musste ich das Werk selbst laut lesen, um in der Wortfolge transparent zu sein" - so Sead Muhamedagi─ç.

Traduktologische Erfahrungen

Heldenplatz wurde kurz nach Thomas Bernhards Tod ins Serbische ├╝bersetzt. Da Muhamedagi─ç diese ├ťbersetzung ziemlich gut findet, verglich er aufmerksam seine eigene mit der serbischen ├ťbersetzung, um festzustellen, an welchen Stellen er eventuell bessere L├Âsungen finden und dadurch seine ├ťbersetzung verbessern k├Ânnte. "Manche S├Ątze oder Begriffe im Text finde ich noch immer ziemlich ambivalent und man muss dar├╝ber nachdenken, wie sie zu ├╝bersetzen sind. Manche L├Âsungen k├Ânnte uns nur Thomas Bernhard anbieten."
Muhamedagi─ç wollte mit seiner ├ťbersetzung auch eine bestimmte Haltung zu den Personen im Drama ausdr├╝cken (statt "die Niederreiter" w├Ąhlte er "Niederreiterica", statt "die Zittel" - "Zittelica"), um zu betonen, wie unsympatisch die Figuren sind. Was den Titel betrifft, machte er sich Gedanken ├╝ber zwei M├Âglichkeiten - Trg heroja oder Trg velikana. Da Trg heroja schon in der Sekund├Ąrliteratur anzutreffen ist, entschied er sich f├╝r diese Variante.
F├╝r Sead Muhamedagi─ç ist es bei der Auswahl der zu ├╝bersetzenden Texte am wichtigsten, dass sie nicht zu trocken und n├╝chtern geschrieben sind, sondern dass sie einen stilistischen Wert besitzen. Nach diesem Kriterium w├Ąhlt er au├čer literarischen Werken auch B├╝cher aus den Bereichen Literaturwissenschaft, Musikologie und P├Ądagogik aus. "Bei der ├ťbersetzung von literarischen Werken bestehen nur ich und das Werk, w├Ąhrend ich bei der ├ťbersetzung wissenschaftlicher Werke einen Experten aus dem betreffenden Bereich finde, der mir bei der ├ťbersetzung helfen kann. Autoren literarischer Werke sind oft nicht mehr am Leben oder sind weit weg - ich kann sie nicht nach ihrer Meinung oder Erfahrung fragen."
Um die stilistische Eint├Ânigkeit seiner ├ťbersetzungen zu vermeiden, passt sich Muhamedagi─ç bei jeder ├ťbersetzung dem Stil des Originaltextes an und legt sich strenge philologische Kriterien auf, d. h. er muss immer imstande sein, seine L├Âsungen in jeder ├ťbersetzung zu erkl├Ąren. Trotz allem gibt er zu, jeder ├ťbersetzer m├╝sse eine gewisse k├╝nstlerische Veranlagung haben. Ohne literarisches Talent - kein guter literarischer ├ťbersezter.